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„Bildung ist der Schlüssel zum Erfolg“

von Susanne Dohrn - 02.05.2010
„Strukturwandel braucht Geduld“, sagt Frank Baranowski (SPD), Oberbürgermeister von Gelsenkirchen. Er muss es wissen. Seine Stadt hat, bedingt durch den Wegfall von großen Teilen der Stahlindustrie, viele Arbeitsplätze verloren. 2008 schloss auf seinem Stadtgebiet die Zeche Westerholt. Trotzdem blickt er optimistisch in die Zukunft, setzt auf Bildung und plant richtungsweisende Projekte.

vorwärts.de: „Gemessen an der Herausforderung ist es eigentlich unglaublich, wie gut wir alles in allem den Wandel von Kohle, Stahl und Glas zu Zukunftsenergien, Logistik und innovativen Technologien hinbekommen haben“, haben Sie kürzlich in Ihrer Kolumne geschrieben. Ist das nicht ein bisschen übertrieben?

Frank Baranowski: Nein keineswegs! Gelsenkirchen hat durch die Schließung der Zechen und den Wegfall weiter Teile der Stahlindustrie so massiv Arbeitsplätze verloren, wie kaum eine andere Stadt. In den vergangenen Jahren ist es uns gelungen, die alten Bergbau- und Industrieflächen ohne Verwerfungen wieder nutzbar zu machen und an vielen Standorten neue zukunftsfähige Unternehmen anzusiedeln. Natürlich bleiben weiterhin viele Probleme, aber der Grundstein für ein zukunftsfähiges Gelsenkirchen ist gelegt. Diesen Aufwärtstrend werden wir intensiv durch eine möglichst optimale Ausbildung der jungen Generation unterstützen. Bildung ist auch hier der Schlüssel zum Erfolg.

 

Wo ist der Strukturwandel in Gelsenkirchen gelungen?

Es gibt viele positive Beispiele für einen gelungenen Strukturwandel in Gelsenkirchen. Neben Leuchtturmprojekten wie dem Wissenschaftspark auf dem ehemaligen Gussstahlgelände oder der THS Hauptverwaltung auf dem Gelände der früheren Zeche Nordstern, konnte etwa das Gelände der Zeche Consolidation in Schalke innerhalb von nur zwei Jahren komplett vermarktet werden. Viele neue Arbeitsplätze sind dort entstanden. Ein anderes Beispiel ist das Gelände rund um die Arena. Durch die Ansiedlung eines Hotels und einer ambulanten Reha-Klinik ist es gelungen eine Keimzelle zu entwickeln aus der heraus sich rund um das Stadion eine Fläche für Gesundheits-, Freizeit- und Sportwirtschaft entwickeln wird. Auch die Zoom-Erlebniswelt steht für den Wandel in Gelsenkirchen: Aus dem alten nicht artgerechten Ruhr-Zoo ist Europas modernste Zoo Erlebniswelt geworden.

 

Wo sehen Sie Defizite? Was muss noch geschehen?

Strukturwandel ist nichts für Ungeduldige. Viele Prozesse müssen über Jahre entwickelt werden, Flächen müssen aufbereitet werden und vor allem müssen die Menschen mitgenommen werden. Die alten Arbeitsplätze gibt es nicht mehr und in den zukunftsträchtigen Branchen wird viel Know How und Ausbildung benötigt. Wir müssen hier in Ausbildung investieren, um auch das Fachpersonal zu haben, das moderne Unternehmen benötigen. Wichtig ist, dass Investitionen, die wir in die Flächen gesteckt haben, jetzt nicht durch wegfallende Fördermittel oder nicht leistbare Eigenanteile gefährdet werden.

 

Hat man zu lange auf Kohle und Stahl gesetzt?

Im Nachhinein ist man immer klüger. Die Monostruktur der Wirtschaft hat sicherlich dazu beigetragen, dass Neuerungen nur schwer möglich waren. So fehlten vor allem Flächen für Neuentwicklungen. Da stehen wir heute deutlich besser da. Aber auch die Städte, die frühzeitig auf andere Industrien gesetzt haben, müssten aktuell mit Abwanderungen fertig werden (z.B. Nokia in Bochum).

 

Bildung ist die beste Stadtentwicklung, sagen Sie. Damit haben Sie mit Sicherheit Recht. Aber wie bezahlen Sie das? Auch in Gelsenkirchen sind die Kassen leer.

Ganz egal wie leer die Kassen sind, wir werden nicht aufhören, in Bildung zu investieren. Weil es Investitionen sind, die sich auszahlen. Sprachförderung von Kindern, Hausbesuche bei Erstgeborenen, Ausbau der U-3-Betreuung, Investitionen in Schulen - das alles kostet heute Geld aber es bringt morgen Gewinn, den wir dringend benötigen. Wenn wir hier sparen, sparen wir an der Substanz unserer Stadt. Wir sparen uns das Fundament weg, auf dem unsere zukünftige Entwicklung aufbauen kann - und setzen eine unheilvolle Abwärtsspirale in Gang.

 

Ende 2008 hat die Zeche Westerholt geschlossen. Was passiert mit dem Gelände, das ja zum Teil auch auf dem Gebiet der Stadt Herten liegt?

Bereits lange vor der Schließung des Bergwerks Lippe (Zeche Westerholt) haben wir uns mit unserer Nachbarstadt Herten zusammengesetzt, um ein gemeinsames Vorgehen für eine schnelle Nach- und möglichst lückenlose Zwischennutzung des Areals zu verabreden. Im September 2008 haben der Hertener Bürgermeister Dr. Uli Paetzel und ich einen Kooperationsvertrag unterzeichnet und ein bisher einmaliges „Interkommunales Integriertes Handlungskonzept" (IIHK) für die Stadtteile Hassel, Westerholt und Bertlich auf den Weg gebracht. Das geschah alles noch bei laufendem Zechenbetrieb. Wenn man so will: nicht nur Strukturwandel im Zeitraffer, sondern sogar Strukturwandel am offenen Herzen.

Jetzt wollen wir uns mit unseren Nachbarn in Herten und der RAG Montan Immobilien mit der Bergwerksfläche und dem Umfeld für das gewaltige Modellprojekt „InnovationCity Ruhr" bewerben. Es wäre ein weiterer enorm wichtiger Baustein für die langfristige ökologisch und ökonomisch nachhaltige Umgestaltung unserer Stadt. Ziel des Modellprojekts ist es, die Emission an Kohlendioxid im Projektgebiet um die Hälfte zu reduzieren und einen ökologischen Musterstadtteil im Bestand zu etablieren - mit energetisch sanierten Altbauten, verstärkter Nutzung von Solarenergie und Erdwärme und einem energieeffizienten öffentlichen Verkehrssystem. Bei einem Zuschlag würden wir bis zum Jahr 2020 einen enormen Investitionsschub erfahren. Erste Prognosen sprechen von etwa 2,5 Milliarden Euro.

 

Derzeit findet eines der größten Stadterneuerungsprogramme der Geschichte Gelsenkirchens statt. Warum machen Sie das und was muss man sich darunter vorstellen?

In Gelsenkirchen haben wir Stadterneuerung als gesamtstädtische Daueraufgabe definiert. Die integrierte Stadterneuerung ist eine wesentliche Zukunftsaufgabe der Stadt für die nächsten Jahre. Sie zielt auf eine Stärkung aller Gelsenkirchener Stadtteile ab und dient dazu, den Strukturwandel zu unterstützen und eine nachhaltige Stadtentwicklung zu erreichen. Gemeinsam mit privaten Akteuren, der Bevölkerung und der öffentlichen Hand werden die Strukturen in den Stadtteilen ökonomisch und ökologisch verbessert. So sehe ich in allen Stadterneuerungsgebieten gute Chancen für eine nachhaltige und soziale Verbesserung der Wohn- und Lebensbedingungen.

Dabei werden wir die oft vielfältig vorhandenen Potentiale und Stärken unterstützen. Stadterneuerung ist dabei längst nicht nur eine Angelegenheit von Beton und Kränen. Stadterneuerung ist auch eine Angelegenheit von Köpfen und Herzen. Denn es geht darum, Strukturen zu schaffen, die Chancen ermöglichen - und zwar gerade den Menschen, die es schwerer haben als andere: Familien, sozial Schwache, Senioren, Migranten. In Gelsenkirchen gibt es überdurchschnittlich viele von ihnen. Auch an den Bedürfnissen dieser Bürgerinnen und Bürger orientiert sich die Stadterneuerung Gelsenkirchens.

 

„Strukturwandel braucht Geduld“, sagen Sie. Wird er irgendwann abgeschlossen sein und was ist das Ziel für Gelsenkirchen?

In der Tat braucht der Strukturwandel Zeit und er wird nie abgeschlossen sein. Was heute gut funktioniert, kann morgen überholt sein. Daher werden wir im ständigen Wandel nie nachlassen dürfen. Das Ziel kann immer nur eine lebenswerte, solidarische Stadt sein, in der sich Menschen wohl fühlen und gerne leben und arbeiten.

 

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Bundesland: Nordrhein-Westfalen  

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